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Nicht ganz vollständige Gesamtausgabe mit dem Charakter eines Nachschlagewerks
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Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 1000 REZENSENT) Rezension bezieht sich auf: Sämtliche Werke (Quarto) (Taschenbuch) Was der Suhrkamp-Verlag mit dieser Kafka-Ausgabe liefert, ist ein sehr gut erschwinglicher Band mit, wie der Titel der Veröffentlichung es aussagt, "Sämtlichen Werken" des Prager Prosaisten, der erst posthum durch die mannigfachen Veröffentlichungen seiner literarischen Hinterlassenschaften zu Weltruhm gelangt ist. Zu seinen Lebzeiten hatte er lediglich die Kurzgeschichtenbände "Betrachtung", "Ein Landarzt" und "Ein Hungerkünstler" sowie die einzelnen Geschichten "In der Strafkolonie", "Die Verwandlung" und "Das Urteil" publiziert; eine Menge großartiger Literatur, doch als Meister der großen Form hätte Kafka eigentlich gar nicht in die Geschichtsbücher eingehen dürfen - hatte er seinem Freund und Nachlassverwalter Max Brod doch den Auftrag gegeben, seine Romanmanuskripte zu verbrennen. Dies ist - glücklicherweise - nicht geschehen, im Gegenteil, "Amerika", "Der Prozess" und "Das Schloß" sind, noch mehr als die Kurzgeschichten, bis heute die Werke, auf denen Kafkas großer Name beruht. In dieser Suhrkamp-Ausgabe haben wir also "Sämtliche Werke" Kafkas beisammen, verspricht zumindest der Name der vorliegenden Veröffentlichung. Über die Qualität der literarischen Arbeiten Franz Kafkas braucht zudem nicht diskutiert zu werden, auch eine Beschreibung des Kafkaschen Schreibstils oder einzelner, exemplarischer Werke ist an dieser Stelle nicht angezeigt. Vielmehr erscheint es notwenidg, einige Probleme dieser Taschenbuchausgabe "Sämtlicher Werke" Kafkas aufzuzeigen: Zunächst ist da die Titelwahl ("Sämtliche Werke"), welche als irreführend zu betrachten ist. Was zählt zu den "Werken" eines Autors? Wenn man den Begriff streng und etwas naiv fasst, zählen nur die "fiktionalen", literarisch-erzählerischen Texte dazu. So gesehen dürften dann aber die "essayistischen und biographischen" Schriften und die Aphorismen nicht in einen solchen Band aufgenommen werden, was aber der Fall ist. Ein weiter gefasster Begriff - aus meiner Sicht nicht nur interessanter, sondern unbedingt notwendig und lobenswert - schließt tatsächlich sämtliche Schriften, also auch die (scheinbar) nicht-literarischen, ein. Dann müssen aber, wenn man von "Sämtlichen Werken" redet, alle hinterlassenen Schriften des Autors mit herein, also auch etwa die Tagebücher und die Briefwechsel, die übrigens stark mit den genuin "literarischen" Werken interagieren und deshalb unbedingt in die Ausgabe hereingehört hätten. So viel zum Titel und seiner irreführenden Natur bzw. der Unvollständigkeit der Ausgabe. Zudem wird in der Darstellung der Texte zwar zwischen von Kafka autorisierten und veröffentlichen Texten auf der einen und von posthum aus dem nackten Manuskriptbefund heraus publizierten Texten unterschieden; jedoch wird die tatsächliche Natur der letztgenannten Schriften nicht wirklich deutlich gemacht. So laufen die drei unvollendet gebliebenen Romane einfach unter der Überschrift "Romane", ohne dass ihr fragmentarischer Charakter etwa durch einen kurzen Kommentar deutlich gemacht würde. Selbstverständlich kann und muss ein solches Taschenbuch nicht all das leisten, was von einer wissenschaftlichen oder gar einer historisch-kritischen Ausgabe zu erwarten wäre; trotzdem wäre etwas mehr Rücksicht auf den besonderen Charakter der nie von Kafka autorisierten oder veröffentlichten Romanversuche unbedingt geboten gewesen, da die vorliegende Darstellung die schlichtweg falsche und durch die Editionspraxis früherer Tage schon viel zu weit verbreitete Vorstellung, dass es sich bei Kafkas "Romanen" um in sich geschlossene Textgebilde klassischer Facon handle, weiter nährt. Diese Kritikpunkte sollen nicht die gesamte Veröffentlichung in ein schlechtes Licht rücken; letztendlich ist es schon praktisch, so eine Vielzahl an Kafka-Texten zu einem sehr humanen Preis erwerben und dann zu hause griffbereit haben zu können. Auch soll die Legitimation der Veröffentlichung reiner Leseausgaben ohne tiefgreifenden wissenschaftlichen Anspruch nicht in Frage gestellt werden - im Gegenteil, es ist mehr als begrüßenswert, dass auf diese Weise hoffentlich mehr und mehr Menschen Zugang zu den Texten Franz Kafkas finden. Wenn es jedoch um eine Entscheidung für oder gegen eine Kaufempfehlung geht, muss man doch eine klare Zielgruppenunterscheidung vornehmen: Wer einen ersten Einblick in Kafkas Texte erhalten will, und das nicht nur an einem oder zwei, sondern an zahlreichen Beispielen, dem seien die "Sämtlichen Werke" des Suhrkamp-Verlages ebenso ans Herz gelegt, wie leselustigen Kafka-Kennern, die ein bisschen auf Entdeckungsreise gehen und mal schauen wollen, was der Mann denn neben den Dingen, die man schon kennt, noch so hervorgebracht hat. Wer jedoch die intensive Auseinandersetzung mit einem der Texte größeren Formats sucht, sei es aus wissenschaftlichem oder rein privatem Interesse, der ist schon aus rein haptischen Gründen bei den Einzelausgaben besser aufgehoben, denn der etwas klobige Band mit seinen deutlich über 1000 Seiten lädt doch trotz des Taschenbuchformats nicht gerade zum konzentrierten Leseerlebnis ein, sondern hat mehr den Charakter eines Nachschlagewerks. So liegt das Ding nicht nur schwer in der Hand, sondern die recht eng beschriebenen Seiten sind auch kein Musterbeispiel für Leserfreundlichkeit. Wer sich tatsächlich im Rahmen eines Studiums aus literaturwissenschaftlicher Perspektive mit Kafka beschäftigen will, der sei auf die kritische (zum Lesen) und die historisch-kritische Ausgabe (zum Arbeiten mit der authentischsten Abbildung der Kafka-Texte) verwiesen.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 27. September 2010 | | | | | | | |
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