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| Zur Genealogie der Moral: Eine Streitschrift
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"[L]ieber will noch der Mensch das Nichts wollen, als nicht wollen..." (Dritte Abhandlung, Nr. 28).
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Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 500 REZENSENT) (REAL NAME) Rezension bezieht sich auf: Zur Genealogie der Moral: Eine Streitschrift (insel taschenbuch) (Taschenbuch) Die 1887 erschienene Streitschrift "Zur Genealogie der Moral" ist eine Ergänzung zu Nietzsches kurz zuvor veröffentlichter Darstellung Jenseits von Gut und Böse und spitzt dessen Gedankengang provokant zu. Worum es ihm im Kern geht, formuliert Nietzsche in aller Deutlichkeit gleich zu Beginn des Buches: "[U]unter welchen Bedingungen erfand sich der Mensch jene Werturteile gut und böse? und welchen Wert haben sie selbst?" (Vorrede, Nr. 3) Was ist Moral? Wer bestimmt, was moralisch, was 'gut' oder 'böse' eigentlich ist? Nietzsches Ansatz zu diesen Fragen beinhaltet alle, was ihn bis heute so faszinierend gestaltet und den Leser gleichzeitig doch in regelmäßigen Abständen zusammenzucken lässt: "Alles, was auf Erden gegen 'die Vornehmen', 'die Gewaltigen', 'die Herren', 'die Machthaber' getan worden ist, ist nicht der Rede wert im Vergleich mit dem, was die Juden gegen sie getan haben, die Juden, jenes priesterliche Volk, das sich an seinen Feinden [...] zuletzt nur durch eine radikale Umwertung von deren Werten, also durch einen Akt der geistigen Rache Genugtuung zu schaffen wußte. [...] Die Juden sind es gewesen, die gegen die aristokratische Wertgleichung (gut = vornehm = mächtig = schön = glücklich = gottgeliebt) mit einer furchteinflößenden Folgerichtigkeit die Umkehrung gewagt und mit den Zähnen des abgründlichsten Hasses [...] festgehalten haben, nämlich 'die Elenden sind allein die Guten, die Armen; Ohnmächtigen, Niedrigen sind allein die Guten [...] dagegen ihr, ihr Vornehmen und Gewaltigen, ihr seid in alle Ewigkeit die Bösen, die Grausamen, die Lüsternen, die Unersättlichen, die Gottlosen'" (Erste Abhandlung, Nr. 7).
Mit der jüdisch-christlichen Religion beginnt für Nietzsche der "Sklavenaufstand in der Moral" (Erste Abhandlung, Nr. 10), der alles Starke und Edle für böse erklärt und im Gegensatz Schwäche und Demut sublimiert und moralisch für gut erklärt. Träger dieser Sklavenmoral sei seit 2000 Jahren das Christentum, gegen das Nietzsche immer wieder heftig zu Felde gezogen ist, am deutlichsten in seiner Polemik Der Antichrist: Versuch einer Kritik des Christentums.
Nietzsches Ideal ist der Mensch, der die Kraft hat, sich über die herrschenden Grundsätze der Moral hinwegzusetzen und aus sich selbst heraus neue Werte schafft: "Dieser Mensch der Zukunft [...] dieser Glockenschlag des Mittags und der großen Entscheidung, der den Willen wieder frei macht, der der Erde ihr Ziel und dem Menschen seine Hoffnung zurückgibt, dieser Antichrist und Antinihilist, dieser Besieger Gottes und des Nichts - er muß einst kommen..." (Zweite Abhandlung, Nr. 24). Diesen Menschen, der sich selbst Quelle aller Moral ist, bezeichnet Nietzsche unvergesslich als Übermenschen.
Noch heute wird man von der Wucht dieser Philosophie und seiner hämmernden Rhetorik mitgerissen, so dass sich der heutige Leser kaum noch vorstellen kann, wie wohl Nietzsches Zeitgenossen gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf seine Schriften reagiert haben. Seine radikale Ablehnung der jüdisch-christlichen Moralvorstellungen, die in Europa bis dahin unangefochten den Diskurs von gut und böse dominiert hatte, stellte etwas Ungeheuerliches und quasi eine Art Sündenfall der abendländischen Philosophie dar.
Seine Diktion sowie seine Rhetorik gestaltete es für die Nazis recht einfach, ihn für ihre Weltanschauung zu instrumentalisieren. Und in der Tat fällt es sehr schwer, einige Stellen des Buches zu lesen, ohne an den späteren Verlauf der deutschen Geschichte zu denken: "Die Größe eines "Fortschritts" bemißt sich sogar nach der Masse dessen, was ihr alles geopfert werden mußte; die Menschheit als Masse dem Gedeihen einer einzelnen Spezies Mensch geopfert - das wäre ein Fortschritt" (Zweite Abhandlung, Nr. 12). Diese stärkere "Spezies Mensch" zeichnet sich für Nietzsche allerdings nicht durch den Besitz bestimmter körperlicher Eigenschaften aus, sondern bezieht sich auf die Fähigkeit und den Willen eines Menschen, sich über die althergebrachten Moralvorstellungen hinwegzusetzen und aus sich selbst heraus Werte zu schaffen.
Fazit: Rhetorisch brillant, inhaltlich provokant und bis heute faszinierend und mitreißend. "Zur Genealogie der Moral" eignet sich auch gut als Einstieg für den Nietzsche-Anfänger, da hier zentrale Konzepte seines Denkens in aller Klarheit dargestellt werden und gleichzeitig deutlich wird, was ihn bis heute zu einem der am kontrovers diskutiertesten Philosophen macht.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 30. März 2009 | | |
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|  | | Friedrich Nietzsche: Hauptwerke: Menschli... Der Antichrist: Versuch einer Kritik des... Jenseits von Gut und Böse: Vorspiel einer... Also sprach Zarathustra Politik: Schriften zur Staatstheorie
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